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500 Millionen Verträge: Was die GDV-Zahlen über Ihre Sicherheit verraten

8 Min. Lesezeit Von Thorsten Schreier

Allgemeine Information — keine individuelle Beratung, keine Gewähr.

Auf einen Blick: Deutschland hat rund 500 Millionen Versicherungsverträge, doch 15 Prozent der Haushalte besitzen keine Privathaftpflicht und 43 Prozent der Wohngebäude keinen Elementarschutz. Die fünf größten Deckungslücken liegen bei Haftpflicht, Berufsunfähigkeit, Elementarschutz, Pflegevorsorge und Altersvorsorge.

Deutschland in Zahlen: Viel versichert, trotzdem Lücken

Rund 500 Millionen Versicherungsverträge existieren in Deutschland — mehr als sechs Verträge pro Einwohner. Die Versicherungswirtschaft verwaltet ein enormes Volumen: 132 Millionen Kfz-Verträge, 66 Millionen Altersvorsorge-Verträge, Millionen Haftpflicht-, Hausrat- und Gebäudepolicen. Auf den ersten Blick scheint Deutschland gut abgesichert zu sein.

Doch die Statistik des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigt auch die Schattenseiten: Millionen Haushalte haben Lücken genau dort, wo ein Schaden finanziell existenzbedrohend wäre. Nicht die Anzahl der Verträge entscheidet über Ihre Sicherheit, sondern ob die richtigen Risiken abgedeckt sind.

Die großen Zahlen im Überblick

132 Millionen Kfz-Verträge

Die Kfz-Versicherung ist mit Abstand der größte Einzelbereich. Das ist keine Überraschung — die Kfz-Haftpflicht ist gesetzlich vorgeschrieben. Jedes zugelassene Fahrzeug braucht eine. Was die Zahl aber verdeckt: Viele Autofahrer fahren mit einer Deckungssumme, die zwar die gesetzliche Mindestdeckung erfüllt, bei einem schweren Personenschaden aber nicht ausreicht. Die aktuellen gesetzlichen Mindestdeckungssummen liegen bei 7,5 Millionen Euro für Personenschäden — das klingt viel, doch bei dauerhaften Pflegefällen junger Menschen können die Ansprüche höher ausfallen.

66 Millionen Altersvorsorge-Verträge

Private Rentenversicherungen, Riester-Verträge, Rürup-Policen, Lebensversicherungen — zusammen ergibt das 66 Millionen Verträge. Die Zahl zeigt: Viele Deutsche sparen privat für die Rente. Was sie nicht zeigt: Ob die Summen ausreichen. Die sogenannte Versorgungslücke — die Differenz zwischen dem letzten Nettoeinkommen und der erwarteten Rente — liegt für viele Arbeitnehmer bei 30 bis 40 Prozent des Einkommens. 66 Millionen Verträge bedeuten nicht 66 Millionen geschlossene Versorgungslücken.

Nur 57 Prozent Elementarschutz

Von allen Wohngebäuden in Deutschland haben nur rund 57 Prozent eine Elementarschadenversicherung. Das bedeutet: 43 Prozent der Hauseigentümer stehen bei Starkregen, Hochwasser oder Erdrutsch ohne Versicherungsschutz da. Die versicherten Schäden durch Naturgefahren lagen 2024 bei rund 5,6 Milliarden Euro — der Gesamtschaden einschließlich unversicherter Gebäude deutlich höher. Mehr dazu im Ratgeber Elementarversicherung: Pflicht oder Freiwilligkeit?

Wo die größten Deckungslücken liegen

Privathaftpflicht: Die wichtigste Versicherung fehlt Millionen

Die private Haftpflichtversicherung ist keine Pflichtversicherung — und genau das ist das Problem. Rund 15 Prozent der Haushalte in Deutschland haben keine. Dabei ist die Privathaftpflicht die wichtigste Versicherung überhaupt: Wer einem anderen einen Schaden zufügt, haftet unbegrenzt mit seinem gesamten Vermögen. Ein schwerer Personenschaden kann Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe nach sich ziehen.

Dass die Privathaftpflicht für unter 100 Euro pro Jahr zu haben ist und trotzdem so viele Haushalte ohne dastehen, gehört zu den paradoxen Befunden der deutschen Versicherungslandschaft.

Berufsunfähigkeit: Jeder Vierte ohne Schutz

Statistisch wird jeder vierte Arbeitnehmer vor dem Rentenalter berufsunfähig. Trotzdem haben viele keine Berufsunfähigkeitsversicherung — sei es aus Kostengründen, wegen Vorerkrankungen oder schlicht, weil das Risiko unterschätzt wird. Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente deckt nur einen Bruchteil des letzten Einkommens ab und setzt zudem voraus, dass man weniger als sechs Stunden am Tag in irgendeinem Beruf arbeiten kann.

Wohngebäude: Unterversicherung durch steigende Baukosten

Selbst wer eine Wohngebäudeversicherung hat, ist nicht automatisch ausreichend geschützt. Die Baukosten sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Wenn die Versicherungssumme nicht regelmäßig angepasst wird, droht Unterversicherung — der Versicherer kürzt die Leistung im Schadenfall proportional.

Pflegevorsorge: Die größte Lücke im System

Die gesetzliche Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung — sie deckt nur einen Teil der tatsächlichen Pflegekosten. Die Eigenanteile in stationären Pflegeeinrichtungen liegen bundesweit im Durchschnitt bei über 2.500 Euro pro Monat. Trotzdem hat nur ein kleiner Teil der Bevölkerung eine private Pflegezusatzversicherung. Die Pflegelücke trifft Betroffene und ihre Angehörigen finanziell härter als fast jedes andere Lebensrisiko.

Was die Zahlen für Ihre persönliche Absicherung bedeuten

Weniger Verträge, bessere Deckung

Die reine Anzahl Ihrer Versicherungsverträge sagt wenig über Ihre Sicherheit aus. Drei gut gewählte Verträge mit ausreichenden Deckungssummen schützen besser als sieben Policen mit Lücken und Überschneidungen. Die Priorität liegt bei den existenzbedrohenden Risiken:

  1. Privathaftpflicht — unbegrenzte persönliche Haftung absichern
  2. Berufsunfähigkeit — Einkommensverlust durch Krankheit oder Unfall absichern
  3. Krankenversicherung — gesetzlich oder privat, mit ausreichender Absicherung
  4. Wohngebäude mit Elementar — für Eigentümer existenziell
  5. Altersvorsorge — die Versorgungslücke systematisch schließen

Einen vollständigen Leitfaden finden Sie unter Welche Versicherungen brauche ich?

Deckungssummen regelmäßig prüfen

Ein Vertrag mit einer zu niedrigen Deckungssumme gibt Ihnen ein falsches Sicherheitsgefühl. Prüfen Sie insbesondere:

  • Haftpflicht: Mindestens 10 Millionen Euro pauschal für Personen-, Sach- und Vermögensschäden
  • Berufsunfähigkeit: 70 bis 80 Prozent des Nettoeinkommens als monatliche Rente
  • Wohngebäude: Versicherungssumme am aktuellen Wiederherstellungswert ausrichten, gleitenden Neuwertfaktor vereinbaren
  • Altersvorsorge: Versorgungslücke berechnen und die Sparrate entsprechend anpassen

Versorgungslücke berechnen

66 Millionen Altersvorsorge-Verträge klingen nach viel — aber ob Ihrer ausreicht, erfahren Sie nur durch eine individuelle Berechnung. Die Differenz zwischen Ihrem heutigen Nettoeinkommen und der zu erwartenden gesetzlichen Rente zeigt, wie viel Sie privat oder betrieblich aufbauen müssen. Detaillierte Hilfe dazu finden Sie im Ratgeber Versorgungslücke schließen.

Häufige Fehler

  1. Viele Verträge für wichtig halten: Die Anzahl Ihrer Policen sagt nichts über Ihre Absicherung. Drei existenzielle Risiken ohne Deckung wiegen schwerer als zehn versicherte Bagatellrisiken
  2. Kfz-Versicherung priorisieren, Haftpflicht vergessen: Die Kfz-Haftpflicht ist Pflicht und deshalb bei jedem vorhanden. Die Privathaftpflicht schützt gegen dasselbe Risiko — unbegrenzte persönliche Haftung — und fehlt trotzdem bei 15 Prozent der Haushalte
  3. Altersvorsorge nicht nachrechnen: Ein bestehender Riester- oder Lebensversicherungsvertrag gibt das Gefühl, vorgesorgt zu haben. Ob die Summe die Versorgungslücke tatsächlich schließt, wissen viele nicht
  4. Baukostenanstieg ignorieren: Wer seine Wohngebäudeversicherung seit Jahren nicht angepasst hat, riskiert Unterversicherung. Im Schadenfall kürzt der Versicherer die Leistung proportional zum Verhältnis von Versicherungssumme zu tatsächlichem Wert
  5. Pflegevorsorge aufschieben: Die Pflegelücke ist die teuerste und am häufigsten ignorierte Deckungslücke in Deutschland. Je früher Sie eine Pflegezusatzversicherung abschließen, desto günstiger und je weniger Gesundheitsfragen stehen im Weg

Häufig gestellte Fragen

Bin ich mit sechs Versicherungsverträgen ausreichend geschützt?

Nicht unbedingt. Die Anzahl der Verträge sagt nichts über die Qualität der Absicherung. Entscheidend ist, ob die existenzbedrohenden Risiken — Haftpflicht, Berufsunfähigkeit, Krankheit, Pflege, Gebäudeschutz — mit ausreichenden Deckungssummen abgesichert sind. Ein regelmäßiger Versicherungscheck identifiziert Lücken und Überschneidungen.

Warum haben so viele Menschen keine Privathaftpflicht?

Die Privathaftpflicht ist keine Pflichtversicherung, und viele Menschen unterschätzen das Haftungsrisiko. Gerade jüngere Menschen und Haushalte mit niedrigem Einkommen verzichten häufig darauf — obwohl die Prämie meist unter 100 Euro pro Jahr liegt. Ein einziger Personenschaden kann das gesamte Vermögen und Einkommen über Jahrzehnte belasten.

Was bedeutet Unterversicherung bei der Wohngebäudeversicherung?

Unterversicherung liegt vor, wenn die Versicherungssumme niedriger ist als der tatsächliche Wiederherstellungswert des Gebäudes. Im Schadenfall kürzt der Versicherer die Leistung proportional. Beispiel: Ist die Versicherungssumme nur halb so hoch wie der tatsächliche Wert, zahlt der Versicherer auch bei einem Teilschaden nur die Hälfte. Ein gleitender Neuwertfaktor im Vertrag verhindert dieses Problem, ist aber nicht in allen älteren Verträgen enthalten.

Wie finde ich heraus, ob meine Altersvorsorge ausreicht?

Fordern Sie Ihre aktuelle Renteninformation bei der Deutschen Rentenversicherung an und vergleichen Sie die prognostizierte Bruttorente mit Ihrem aktuellen Nettoeinkommen. Die Differenz — abzüglich Steuern und Krankenversicherungsbeiträge auf die Rente — ist Ihre Versorgungslücke. Eine detaillierte Anleitung finden Sie im Ratgeber Versorgungslücke schließen.

Quellen

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