Mehrgefahrenversicherung
Allgemeine Information — keine individuelle Beratung, keine Gewähr.
Auf einen Blick: Die Mehrgefahrenversicherung erweitert den klassischen Hagelschutz um Frost, Sturm, Starkregen und je nach Tarif auch Dürre. Spätfrost, Dürre und Starkregen richten in der deutschen Landwirtschaft mittlerweile höhere Gesamtschäden an als Hagel allein. Einige Bundesländer bezuschussen die Prämie mit bis zu 50 Prozent.
Was ist eine Mehrgefahrenversicherung?
Die Mehrgefahrenversicherung — auch Multi-Peril Crop Insurance (MPCI) genannt — erweitert den klassischen Hagelschutz um weitere Wetterrisiken, die landwirtschaftliche Kulturen bedrohen. Während die reine Hagelversicherung nur einen einzigen Schadenauslöser abdeckt, versichert die Mehrgefahrenversicherung ein Bündel von Gefahren: Hagel, Frost, Sturm, Starkregen, Überschwemmung und je nach Tarif auch Dürre und Auswinterung.
Der Hintergrund: Hagel verursacht zwar spektakuläre Einzelschäden, aber statistisch gesehen richten Spätfrost, Dürre und Starkregen in der deutschen Landwirtschaft mittlerweile höhere Gesamtschäden an. Die Mehrgefahrenversicherung trägt dieser Realität Rechnung und bietet einen umfassenden Ernteschutz statt einer Einzelgefahrenabsicherung.
Wer braucht eine Mehrgefahrenversicherung?
Die Mehrgefahrenversicherung ist für alle pflanzenbaulichen Betriebe relevant, deren Ernte durch Witterungsextreme gefährdet ist:
- Ackerbaubetriebe — Getreide, Mais und Raps sind anfällig für Frost, Dürre und Starkregen, nicht nur für Hagel
- Obstbauern — Spätfrost während der Blüte ist das wirtschaftlich gravierendste Risiko und wird von der reinen Hagelversicherung nicht gedeckt
- Winzer — Frostschäden im Frühjahr können den gesamten Jahrgang vernichten. Die Hagelversicherung greift hier nicht
- Kartoffel- und Zuckerrübenanbauer — Staunässe und Überschwemmung verursachen erhebliche Ernteverluste
- Betriebe in klimatisch exponierten Lagen — Frostlagen, Trockengebiete und Überschwemmungsregionen profitieren besonders vom erweiterten Schutz. Unser Ratgeber zu Klimarisiken und Elementarversicherung beleuchtet die Hintergründe
Die Mehrgefahrenversicherung ersetzt die Hagelversicherung nicht, sondern baut auf ihr auf. In den meisten Modellen ist der Hagelschutz als Basiskomponente enthalten, um den herum weitere Gefahren ergänzt werden.
Was leistet die Mehrgefahrenversicherung?
Gedeckte Gefahren
- Hagel — Physische Beschädigung von Pflanzen und Früchten durch Hagelkörner
- Frost und Spätfrost — Erfrierung von Blüten, Trieben und Jungpflanzen, insbesondere nach milden Vorperioden
- Sturm — Lagergetreide durch Sturmböen, umgeknickte Maispflanzen, entwurzelte Reben
- Starkregen und Überschwemmung — Verschlämmung, Staunässe, Erosion und direkte Überflutung von Anbauflächen
- Dürre — Ertragsminderung durch anhaltenden Wassermangel in der Vegetationsperiode (nicht in allen Tarifen enthalten)
- Auswinterung — Frostschäden an Winterkulturen während der Wintermonate
Ertragsbasierte Absicherung
Anders als die klassische Hagelversicherung, die den sichtbaren Einzelschaden vor Ort schätzt, arbeiten viele Mehrgefahrenversicherungen mit einem Ertragsansatz: Versichert wird der Unterschied zwischen dem erwarteten Normalertrag und dem tatsächlich erzielten Ertrag. Dies erfasst auch Schäden, die sich nicht auf ein einzelnes Wetterereignis zurückführen lassen, sondern aus einer Kombination ungünstiger Bedingungen resultieren.
Worauf sollten Sie achten?
- Gefahrenumfang genau prüfen — Nicht jeder Tarif deckt alle genannten Gefahren ab. Dürre ist häufig nur als Zusatzbaustein verfügbar und erhöht die Prämie erheblich
- Selbstbeteiligung je Gefahr — Die Selbstbeteiligung kann je nach Gefahrenart unterschiedlich hoch sein. Für Dürre liegt sie oft bei 20 bis 30 Prozent, für Hagel bei 8 bis 15 Prozent
- Referenzertrag und Auslöseschwelle — Bei ertragsbasierten Modellen ist entscheidend, wie der Referenzertrag berechnet wird. Üblich sind Fünf-Jahres-Durchschnitte, wobei die Extremwerte gestrichen werden. Liegt Ihr tatsächlicher Ertrag unter dem Schwellenwert, leistet die Versicherung
- Kombination mit Hagelversicherung — Prüfen Sie, ob die Mehrgefahrenversicherung die bestehende Hagelversicherung ersetzt oder ergänzt. Doppelversicherung sollte vermieden werden
- Staatliche Förderung — Einige Bundesländer bezuschussen Mehrgefahrenversicherungen mit bis zu 50 Prozent der Prämie. Die Förderbedingungen und Antragsfristen variieren je nach Bundesland und Programmjahr
- Indexbasiert oder schadensbasiert — Indexbasierte Modelle zahlen anhand von Wetterdaten, schadensbasierte anhand der tatsächlichen Ernteerhebung. Beide haben Vor- und Nachteile
Schadenszenarien aus der Praxis
- Obstbau, Spätfrost im April: Auf 15 Hektar Apfelanbaufläche erfrieren 80 Prozent der Blüten nach einer Frostnacht bei minus 5 Grad Celsius. Die Ernte fällt auf ein Fünftel des Normalertrags. Die Hagelversicherung hätte hier nicht geleistet. Schadensumme: 120.000 Euro.
- Ackerbaubetrieb, Dürresommer: Ein Betrieb mit 200 Hektar Getreide und Mais erlebt drei Monate ohne nennenswerten Niederschlag. Der Maisertrag fällt um 60 Prozent, der Weizen um 35 Prozent. Gesamtschaden: 95.000 Euro.
- Weinbau, Kombination aus Frost und Hagel: Spätfrost im April mindert den Traubenansatz um 40 Prozent, im Juli zerstört Hagel weitere 30 Prozent der verbliebenen Trauben. Nur die Mehrgefahrenversicherung deckt beide Ereignisse. Gesamtschaden: 78.000 Euro.
- Kartoffelbetrieb, Starkregen und Überschwemmung: Anhaltender Starkregen im August überflutet 30 Hektar Kartoffelacker. Die Knollen faulen im Boden und sind nicht mehr erntbar. Schadensumme: 55.000 Euro.
Kostenbeispiele
| Deckungsumfang | Versicherungswert je ha | Jahresprämie je ha |
|---|---|---|
| Hagel + Frost (Getreide) | 1.800–2.500 € | 50–90 € |
| Hagel + Frost + Sturm (Getreide) | 1.800–2.500 € | 70–120 € |
| Hagel + Frost + Sturm + Dürre (Getreide) | 1.800–2.500 € | 100–180 € |
| Hagel + Frost (Obstbau) | 15.000–25.000 € | 500–1.200 € |
| Hagel + Frost (Weinbau) | 10.000–20.000 € | 400–900 € |
Die Prämien steigen mit jedem zusätzlichen gedeckten Risiko. Die Dürrekomponente ist in der Regel der teuerste Baustein, weil Dürre großflächig auftritt und viele Betriebe gleichzeitig betrifft. Die staatliche Förderung kann die Nettobelastung für den Betrieb jedoch deutlich senken.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Hagelversicherung und Mehrgefahrenversicherung?
Die klassische Hagelversicherung deckt ausschließlich Schäden durch Hagelkörner ab. Die Mehrgefahrenversicherung erweitert diesen Schutz um weitere Wetterrisiken wie Frost, Sturm, Starkregen, Überschwemmung und je nach Tarif auch Dürre und Auswinterung. In den meisten Modellen ist der Hagelschutz als Basiskomponente enthalten.
Gibt es eine staatliche Förderung für die Mehrgefahrenversicherung?
Ja. Einige Bundesländer bezuschussen Mehrgefahrenversicherungen mit bis zu 50 Prozent der Prämie. Die Förderbedingungen, Förderhöhen und Antragsfristen variieren je nach Bundesland und Programmjahr. Informieren Sie sich frühzeitig bei Ihrem zuständigen Landwirtschaftsministerium oder Ihrer Landwirtschaftskammer über aktuelle Programme.
Ist Dürre in der Mehrgefahrenversicherung immer enthalten?
Nein. Die Dürrekomponente ist in vielen Tarifen nur als optionaler Zusatzbaustein verfügbar und erhöht die Prämie erheblich. Das liegt daran, dass Dürre großflächig auftritt und viele Betriebe gleichzeitig betrifft, was das Risiko für den Versicherer deutlich erhöht. Auch die Selbstbeteiligung für Dürreschäden ist mit 20 bis 30 Prozent deutlich höher als bei anderen Gefahren.
Kann ich meine bestehende Hagelversicherung einfach durch eine Mehrgefahrenversicherung ersetzen?
Grundsätzlich ja, da die Mehrgefahrenversicherung den Hagelschutz in der Regel als Basiskomponente enthält. Wichtig ist, dass Sie die bestehende Hagelpolice rechtzeitig kündigen oder anpassen, um eine kostenpflichtige Doppelversicherung zu vermeiden. Prüfen Sie vor dem Wechsel die Kündigungsfristen Ihrer bestehenden Police.
Häufige Fehler bei der Mehrgefahrenversicherung
- Nur Hagel versichert, obwohl Frost das größere Risiko ist: Viele Obstbauern und Winzer versichern seit Jahrzehnten nur gegen Hagel, obwohl Spätfrost statistisch häufiger und oft schadenträchtiger ist. Die Mehrgefahrenversicherung schließt diese Lücke.
- Staatliche Förderung nicht beantragt: Wer die Fördermittel nicht rechtzeitig beantragt, zahlt die volle Prämie aus eigener Tasche. Informieren Sie sich frühzeitig über die Programme Ihres Bundeslandes.
- Referenzertrag nicht aktualisiert: Wenn sich Ihre Erträge durch Sortenwechsel oder veränderte Bewirtschaftung verändert haben, muss der Referenzertrag angepasst werden. Sonst kann die Versicherung im Schadensfall zu viel oder zu wenig leisten.
- Keine Abstimmung mit der bestehenden Hagelversicherung: Wer eine Mehrgefahrenversicherung abschließt, ohne die bestehende Hagelpolice zu kündigen oder anzupassen, zahlt möglicherweise doppelt für denselben Hagelschutz.
- Dürrerisiko unterschätzt: Die Dürresommer der letzten Jahre haben gezeigt, dass auch in gemäßigten Klimazonen erhebliche Trockenschäden auftreten können. Der Einschluss der Dürrekomponente sollte zumindest geprüft werden.
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