EU AI Act: Wie KI Ihre Versicherung verändert
Allgemeine Information — keine individuelle Beratung, keine Gewähr.
Auf einen Blick: Der EU AI Act stuft KI im Versicherungswesen als Hochrisiko ein. Ab August 2026 haben Sie das Recht auf Transparenz, Erklärbarkeit und menschliche Überprüfung bei KI-gestützten Versicherungsentscheidungen. Verstöße können mit Bußgeldern bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes geahndet werden.
Künstliche Intelligenz entscheidet über Ihren Versicherungsschutz
Versicherer setzen zunehmend auf künstliche Intelligenz: automatisierte Risikoprüfung bei Anträgen, KI-gestützte Schadenbearbeitung, algorithmische Tarifkalkulation und Betrugserkennung. Was für die Branche Effizienz bedeutet, hat für Sie als Verbraucher handfeste Konsequenzen — denn die KI entscheidet mit, ob Sie einen Vertrag bekommen, was er kostet und ob ein Schaden reguliert wird.
Der EU AI Act, seit August 2024 in Kraft und stufenweise bis 2027 umgesetzt, stuft den Einsatz von KI im Versicherungswesen als Hochrisiko ein. Das bringt neue Rechte für Verbraucher und strenge Pflichten für Versicherer.
Was der EU AI Act für Versicherungen bedeutet
Hochrisiko-Einstufung
Die EU-KI-Verordnung teilt KI-Systeme in Risikoklassen ein. KI-Anwendungen, die den Zugang zu Versicherungsleistungen beeinflussen, fallen in die Kategorie “Hochrisiko” — konkret:
- Risikoprüfung bei Lebens- und Krankenversicherungen: Wenn eine KI bewertet, ob Sie versicherbar sind oder welchen Risikozuschlag Sie zahlen
- Tarifkalkulation: Wenn Algorithmen auf Basis personenbezogener Daten individuelle Preise berechnen
- Schadenregulierung: Wenn eine KI darüber mitentscheidet, ob und in welcher Höhe ein Schaden reguliert wird
- Betrugserkennung: Wenn Algorithmen Schadenmeldungen automatisiert als verdächtig einstufen
Für diese Hochrisiko-Anwendungen gelten ab August 2026 strenge Anforderungen an Transparenz, Datenqualität und menschliche Aufsicht.
Was das für Sie als Verbraucher ändert
Der EU AI Act gibt Ihnen als Versicherungsnehmer neue Rechte, die über den bisherigen Datenschutz (DSGVO) hinausgehen:
- Transparenz: Versicherer müssen offenlegen, dass eine KI an der Entscheidung beteiligt war
- Erklärbarkeit: Sie haben das Recht zu erfahren, welche Faktoren die KI-Entscheidung beeinflusst haben
- Menschliche Überprüfung: Bei wesentlichen Entscheidungen (Vertragsablehnung, erhebliche Risikozuschläge) muss ein Mensch die KI-Entscheidung überprüfen können
- Beschwerderecht: Es muss ein Verfahren geben, über das Sie KI-gestützte Entscheidungen anfechten können
Bias-Risiken: Wenn Algorithmen diskriminieren
Das Problem
KI-Systeme lernen aus historischen Daten. Wenn diese Daten Verzerrungen enthalten — etwa wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen in der Vergangenheit häufiger abgelehnt wurden —, reproduziert die KI diese Muster. Im Versicherungsbereich kann das bedeuten:
- Wohnort-Bias: Bewohner bestimmter Postleitzahlgebiete erhalten systematisch schlechtere Konditionen, obwohl ihr individuelles Risiko gering ist
- Alters- und Geschlechtsdiskriminierung: Die KI gewichtet demografische Merkmale stärker, als es versicherungsmathematisch gerechtfertigt wäre
- Proxy-Diskriminierung: Die KI nutzt scheinbar neutrale Merkmale (Einkaufsverhalten, Online-Aktivität, Smartphone-Modell), die in Wahrheit mit geschützten Merkmalen korrelieren
- Gesundheitsdaten: In der Lebens- und Krankenversicherung besteht das Risiko, dass KI-Systeme auf Gesundheitsdaten zugreifen, die über die zulässige Risikoprüfung hinausgehen
Was der EU AI Act dagegen tut
Anbieter von Hochrisiko-KI müssen nachweisen, dass ihre Systeme:
- auf repräsentativen, hochwertigen Datensätzen trainiert wurden
- regelmäßig auf diskriminierende Muster geprüft werden
- keine unzulässigen Merkmale für Entscheidungen heranziehen
- die Ergebnisse dokumentieren und prüfbar machen
Verstöße gegen diese Anforderungen können mit Bußgeldern von bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes geahndet werden.
Was die KI-Verordnung für Lebens- und Krankenversicherung bedeutet
Besonders sensibel ist der KI-Einsatz bei Lebens- und Krankenversicherungen, weil hier Gesundheitsdaten verarbeitet werden. Der EU AI Act verschärft die Anforderungen:
- Gesundheitsbezogene KI-Entscheidungen unterliegen den strengsten Transparenz- und Aufsichtspflichten
- Automatisierte Risikoeinschätzungen auf Basis von Gesundheitsfragebögen müssen nachvollziehbar sein
- Wearable-Daten (Fitness-Tracker, Smartwatches) dürfen nicht ohne ausdrückliche Einwilligung in die Risikoprüfung einfließen
- Genetische Informationen sind in Deutschland bereits durch das Gendiagnostikgesetz geschützt — der AI Act ergänzt diesen Schutz um algorithmische Transparenz
Für die Berufsunfähigkeitsversicherung bedeutet das: Wenn eine KI Ihren Antrag bewertet und einen Risikozuschlag berechnet oder den Antrag ablehnt, müssen Sie erfahren können, welche Faktoren diese Entscheidung ausgelöst haben.
Wie der Versicherungsmakler für faire Behandlung sorgt
Unabhängige Prüfung
Als Ihr Versicherungsmakler arbeite ich nicht für einen einzelnen Versicherer, sondern in Ihrem Interesse. Wenn ein Versicherer Ihren Antrag ablehnt oder einen auffällig hohen Risikozuschlag verlangt, prüfe ich:
- ob die Entscheidung sachlich nachvollziehbar ist
- ob andere Versicherer das Risiko anders bewerten
- ob eine KI-gestützte Entscheidung vorliegt und ob die Transparenzpflichten eingehalten wurden
- ob ein Widerspruch oder eine Nachverhandlung sinnvoll ist
Marktvergleich gegen algorithmische Verzerrungen
Gerade weil verschiedene Versicherer unterschiedliche KI-Systeme und Bewertungsmodelle nutzen, kann dasselbe Risikoprofil bei verschiedenen Anbietern zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. Ein professioneller Marktvergleich deckt solche Unterschiede auf und sorgt dafür, dass Sie nicht durch eine einzelne algorithmische Fehleinschätzung benachteiligt werden. Mehr dazu unter Makler, Vertreter oder Online-Vergleich.
Was Sie als Verbraucher jetzt tun können
Ihre Rechte kennen
Ab August 2026 haben Sie das Recht auf Transparenz bei KI-gestützten Versicherungsentscheidungen. Fragen Sie aktiv nach:
- Wurde eine KI an der Entscheidung über meinen Antrag beteiligt?
- Welche Faktoren haben die Entscheidung beeinflusst?
- Kann ein Mensch die Entscheidung überprüfen?
Bestehende Verträge prüfen lassen
Auch bestehende Tarife werden zunehmend durch KI-gestützte Prozesse verwaltet — etwa bei der Schadenregulierung. Lassen Sie Ihre private Altersvorsorge und Ihren Berufsunfähigkeitsschutz regelmäßig von einem Versicherungsmakler prüfen, um sicherzustellen, dass die Konditionen fair und marktgerecht sind.
Gesundheitsdaten bewusst handhaben
Überlegen Sie genau, welche Gesundheitsdaten Sie über Apps und Wearables mit Dritten teilen. Auch wenn ein Bonusprogramm kurzfristig attraktiv erscheint, können die gesammelten Daten langfristig Ihre Versicherbarkeit oder Ihre Prämien beeinflussen.
Häufige Fehler
- KI-Entscheidungen einfach hinnehmen: Wenn ein Versicherer Ihren Antrag ablehnt oder einen hohen Zuschlag verlangt, fragen Sie nach den Gründen. Ab 2026 haben Sie ein gesetzliches Recht auf Erklärung bei KI-gestützten Entscheidungen
- Gesundheitsdaten leichtfertig teilen: Fitness-Tracker-Daten, Gesundheits-Apps und digitale Gesundheitsakten können in die Risikoprüfung einfließen. Teilen Sie solche Daten nur, wenn Sie die Konsequenzen für Ihre Versicherbarkeit verstehen
- Nur einen Anbieter anfragen: Verschiedene Versicherer nutzen unterschiedliche KI-Modelle. Eine Ablehnung bei einem Anbieter bedeutet nicht, dass alle anderen das Risiko gleich bewerten. Ein Versicherungsmakler vergleicht den Markt
- DSGVO und AI Act verwechseln: Die DSGVO regelt den Datenschutz, der AI Act die Anforderungen an KI-Systeme. Beide Regelwerke ergänzen sich, gewähren aber unterschiedliche Rechte. Machen Sie sich mit beiden vertraut
- Bonusprogramme unkritisch nutzen: Versicherer-Apps, die Gesundheitsdaten im Austausch für Beitragsrabatte sammeln, schaffen einen Datenschatz, der langfristig gegen Sie verwendet werden könnte — etwa bei einem Vertragswechsel oder einer Leistungsprüfung
Häufig gestellte Fragen
Darf eine KI allein über meinen Versicherungsantrag entscheiden?
Nach dem EU AI Act müssen Hochrisiko-KI-Systeme eine menschliche Aufsicht ermöglichen. Bei wesentlichen Entscheidungen — etwa der Ablehnung eines Lebensversicherungsantrags — muss ein Mensch die KI-Entscheidung überprüfen können. Eine vollautomatisierte Entscheidung ohne jede menschliche Kontrolle ist bei Hochrisiko-Anwendungen nicht zulässig. Zusätzlich gewährt die DSGVO (Art. 22) das Recht, nicht einer ausschließlich automatisierten Entscheidung unterworfen zu werden.
Kann ich erfahren, welche Daten die KI über mich verwendet hat?
Ja. Die DSGVO gibt Ihnen bereits heute ein Auskunftsrecht über gespeicherte personenbezogene Daten. Der EU AI Act ergänzt dies um das Recht auf Transparenz: Versicherer müssen offenlegen, dass eine KI beteiligt war und welche Faktoren die Entscheidung beeinflusst haben. Die genauen Anforderungen an die Erklärbarkeit werden durch die Durchführungsrechtsakte der EU konkretisiert.
Gilt der EU AI Act auch für bestehende Versicherungsverträge?
Der EU AI Act regelt den Einsatz von KI-Systemen, nicht die Verträge selbst. Wenn ein Versicherer für die Verwaltung bestehender Verträge — etwa Schadenregulierung oder Beitragsanpassung — KI einsetzt, müssen diese Systeme die Anforderungen des AI Act erfüllen. Ihr bestehender Vertrag wird dadurch nicht geändert, aber die Art, wie Entscheidungen im Rahmen des Vertrags getroffen werden, unterliegt neuen Transparenz- und Qualitätspflichten.
Was kann ich tun, wenn ich mich durch eine KI-Entscheidung benachteiligt fühle?
Wenden Sie sich zunächst an den Versicherer und verlangen Sie eine Erklärung der Entscheidung sowie eine menschliche Überprüfung. Unser Ratgeber Versicherung zahlt nicht erklärt das Vorgehen im Detail. Wenn Sie keine zufriedenstellende Antwort erhalten, können Sie sich an den Versicherungsombudsmann, die BaFin oder eine Verbraucherzentrale wenden. Als Ihr Versicherungsmakler kann ich den Widerspruch für Sie vorbereiten und alternative Anbieter anfragen.
Quellen
- EU AI Act — Verordnung (EU) 2024/1689, Anhang III Nr. 5 (Hochrisiko-KI im Versicherungswesen)
- BaFin: Künstliche Intelligenz in der Versicherungswirtschaft — Aufsichtliche Erwartungen
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